Was einen guten Dirigent auszeichnet
An die Dirigenten im Jugendorchester kann ich mich nicht mehr so gut erinnern. Dafür aber an das, was in den letzten Jahren so vor dem Dirigentenpult in meinen verschiedenen Musikkapellen stand. Die Unterschiede waren riesengroß, und aus den Erfahrungen ist schließlich auch der Anforderungskatalog für einen guten Dirigent entstanden.
Was also trennt die guten Dirigenten von den anderen?
Musikalische Kenntnisse
Die sind natürlich ganz wichtig für den musikalischen Leiter einer Blaskapelle. Und hier zeigt sich auch bereits der Unterschied, ob der Dirigent ein Musikstudium absolviert, eine musikalische Ausbildung genossen hat oder eher nichts dieser Güte durchlaufen durfte. Gerade im Hobbybereich muss der Dirigent rhythmisch schwierige Passagen erklären und seine Musiker durch geeignete Maßnahmen in die Lage versetzen können, diese auch korrekt zu spielen.
Ich habe allerdings mal einen Dirigenten erlebt, den seine Musiker auf rhytmische Fehler aufmerksam machen mussten. Er konnte nicht erklären, wie die Passage richtig gespielt werden muss und machte dann meist den Vorschlag, die fraglichen Takte einfach zu streichen oder komplett auf das Stück zu verzichten.
Aber Musik besteht nicht nur aus Notenwerten und Tönen. All das, was über und unter den Notenlinien – und manchmal auch gar nicht auf dem Notenblatt – steht, macht die Musik erst aus. Um die Einhaltung des piano und das Beachten der Akzente müssen die Dirigenten meist kämpfen. Und allzuoft geben sie sich der Masse geschlagen. Dann bleibt die Lautstärke eben von Anfang bis Ende gleich, und die Zuhörer müssen auf interessante Akzente verzichten.
Wie hat einer der guten Dirigenten mal gesagt: “Das muss so leise werden, dass sich die Zuschauer erschrecken und schnell auf die Bühne schauen, ob wir noch da sind.” “Aus dem Nichts” war auch ein beliebter Spruch für den Anfang eines Stücks.
Motivation
Der Dirigent muss engagiert bei der Sache sein. Nur so kann das gesamte Orchester zu guten Leistungen gebracht werden, die die Zuhörer begeistern. Lässt der Dirigent zu jeder Gelegenheit wissen, dass er ja eigentlich gar keine Lust mehr hat und das Amt sofort abgeben würde, wenn sich nur jemand anders anbieten würde, kann man von der Kapelle keine große Begeisterung erwarten. Dann werden es die Musiker hinnehmen, dass keine Probe mehr pünktlich anfängt, dass die Halbzeitpause lang und länger wird und nicht mehr von einem staffen Ablauf der Probe gesprochen werden kann.
Freude und Engagement muss von “vorne” ausgehen – so wie es in den Wald hineinschallt, schallt es ja bekanntlich auch wieder raus.
Es gibt Dirigenten, denen man beim Konzert wirklich ansieht, dass ihnen ihre Aufgabe Spaß macht, dass sie sich über den Applaus freuen und ihn an die Kapelle weitergeben, weil sie gute Leistungen gezeigt haben. Wer schon mal bei einem Konzert der Polizeimusik Tirol (alles echte Polizisten, also kein Profi-Orchester) war, weiß was ich meine.
Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl
Ein guter Dirigent muss gut mit Menschen umgehen können. Er muss wissen, wie seine Musiker gestrickt sind. Einer braucht vielleicht wirklich eine härte Ansprache, der andere ist mit Samthandschuhen anzupacken – das zu erkennen und anzuwenden ist die hohe Schule. Dazu kommen die “Basics” im menschlichen Miteinander.
Auch hier habe ich haarsträubende Situationen erlebt, wo ein Dirigent einen seiner Musiker in der Probe ziemlich zur Schnecke gemacht hat, weil er falsch gespielt hat. In einem anderen Fall wurde vor versammelter Mannschaft in Frage gestellt, ob eine Musikerin ihr Leistungsabzeichen auf dem üblichen Weg erworben habe. Ja, und dass der Dirigent gut daran tut, gegenüber jungen Musikerinnen auf seine “Männersprüche” zu verzichten, sollte eigentlich klar sein. Eigentlich…..
Und sonst?
Ein richtig guter Dirigent hat das nötige Handwerkszeug und Wissen, um einzelne Stimmen umzuschreiben. Wenn es halt nur ein Horn in Es gibt, kann leicht ein Horn in F daraus gemacht werden. Oder wenn wichtige Passagen in einem dünn besetzten Register vorkommen und zur Mithilfe auch von einem anderen Register gespielt werden sollen, hilft ein Griff in die Tastatur des Computers.
Und wenn der Dirigent gaaanz gut ist, schreibt er seinem Orchester sogar eigene Stücke oder Arrangements.
Je größer das Kontakt-Netzwerk des Dirigenten ist, desto besser. Das bringt ihn auf neue Ideen und gibt ihm mitunter Zugriff auf außergewöhnliche Dinge, so dass die Motivation auf allen Seiten nie vergeht.
Fazit
Wer einen guten Dirigenten hat, sollte sich glücklich schätzen und das Potenzial nutzen. In allen anderen Fällen kann es sicher nicht schaden, wenn sich der Vorstand Gedanken über die Positionierung und Strategie der Kapelle macht und dann auch mit allen Musikern zusammen überlegt, ob eine Änderung gewünscht ist und wie diese konkret durchgeführt werden kann. Natürlich sollte auch der Dirigent mit einbezogen werden, denn möglicherweise sind auch Änderungen in der Kapelle möglich, die seine Arbeitsbedingungen und -ergebnisse verbessern können.
Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl ist also für alle Seiten angebracht, unter anderem auch, um herauszufinden ob das Ziel, gute Musik zu machen, wirklich von allen geteilt wird.



