Noten kopieren verboten

Geschrieben am 25.10.2009 von Marion in der Kategorie Noten

Noten kopieren ist verboten. Erst kürzlich gab es ein Bayern wieder einen Verstoß gegen diese Regel, der hart bestraft wurde. Aber was steckt genau dahinter und wie stellt sich der Sachverhalt aus Sicht der Kapellen dar? Hier kommen ein paar Erfahrungen, Überlegungen und Denkanstöße.

Komponieren, Arrangieren, Noten drucken und verkaufen sind keine Hobbys, sondern Tätigkeiten, mit denen die Beteiligten Geld verdienen wollen und auch müssen. Die Anbieter treten in Vorleistung und müssen mit jedem verkauften Notensatz zunächst die Produktionskosten decken und dann eine Entlohnung für die Arbeitsleistung erwirtschaften. Wenn ich also mit meinem Orchester ein Stück spielen möchte, kaufe ich den Notensatz beim Verlag oder einem Händler. Das ist logisch. Ebenso logisch sollte es dann auch sein, dass ich ihn nur für mein Orchester verwende und keine Kopien an andere Kapellen weitergebe.

Aber halt: Wie verhält es sich denn mit Büchern oder Zeitschriften? Da gibt es zwar auch ein Copyright, aber ich darf sowohl meine privaten Exemplare nach Belieben an Freunde weiterverleihen, manche Nachbarn teilen sich die Tageszeitung, und vielerorts gibt es Bibliotheken, die Bücher verleihen. Man kann Print-Medien also konsumieren, ohne sie (eigenständig) kaufen zu müssen. Und über die Fernleihe gibt es sogar einen Kopierdienst, der Auszüge aus Print-Medien in Form von Kopien zur Verfügung stellt.
Entgehen den Autoren und Verlagen dadurch Einnahmen? Teilweise bestimmt. Aber wenn ich alle Bücher, die ich bisher aus der Bücherei gelesen habe, gekauft hätte, wäre ich jetzt 1. arm und bräuchte 2. ein Lager, um sie aufzubewahren. Ich kaufe Bücher nur dann, wenn ich sie länger als 4 – 8 Wochen besitzen möchte und benutzen muss.
Gut, da wird nun ein Schuh draus: Ein Orchester braucht Notensätze für eine längere Zeit, so dass Leihen nicht in Frage kommt. Eine Saison bleibt ein Stück sicher im Programm, manche auch weit länger.

Wir bleiben also dabei: Wir kaufen also den Original-Notensatz für unsere Kapelle.

Die Frage ist aber, ob es grundsätzlich verboten ist, dass ein Original-Notenblatt jemals das Glas eines Kopierers berührt.

Spielen wir mal durch, was passiert oder passieren kann, wenn der Notenwart die bestellten Originalnoten erhalten hat. Er muss natürlich einerseits dafür sorgen, dass die Musiker ihre Stimmen zum Üben und Proben erhalten. Er muss die Originale aber auch vor verschiedenen Gefahren schützen:

Verlust
In Berufsorchestern und etablierten, engagierten Orchestern ist es selbstverständlich, dass alle Musiker zu Proben und Auftritten erscheinen, die richtige Einstellung haben und auch mit Noten angemessen umgehen können. Gerade in neu gegründeten Orchestern ist aber noch nicht alles etabliert und immer wieder kommen neue Musiker zur Probe und möchten dann Noten mitnehmen, um zu üben. Das ist löblich und zur Motivation auch durchaus nötig. Aber leider kommt es hier und da vor, dass diese Leute dann doch nicht mehr zu den nächsten Proben erscheinen. Sie reagieren nicht auf Mails, und mangels weiterer Daten sind die Noten dann auch verschwunden.

“Hab’ ich nicht” ist einer der bekanntesten Sätze aus Kapellen, wenn der Dirigent ein Stück ansagt. Wo auch immer die Noten hingekommen sind – sie sind auch in diesem Fall weg, auch wenn der Musiker selber noch da ist.

Dem Verlustrisiko könnte man natürlich dadurch entgehen, dass die Noten den Probenraum nicht verlassen dürfen. Das geht allerdings nur, wenn die Kapelle einen solchen Raum oder zumindest eine Möglichkeit hat, Noten am Probenort zentral zu lagern und wenn sich der Notenwart für Auftritte zum Packesel macht und kistenweise Noten durch die Gegend schleppt und fährt.
Die Sache hat aber einen sehr großen Nachteil: So können die Musiker die Stücke zu Hause nicht üben!

“Verderb
Notenblätter können zwar nicht faulen oder schimmeln, aber sie können durch äußere Einflüsse unbrauchbar werden.  Freiluftauftritte können unter Regen leiden, so dass Marschhefte gerne dick und aufgewellt sind. Und wer vielleicht das Pech hat, dass das Zeltdach für die ganze Kapelle zu klein ist, hat auch gewellte Noten in seiner großen Notenmappe.

Flecken verursacht durch Getränke oder Speisen können Notenblätter ebenso beschädigen, Papier kann verknicken oder einreißen – ob das nun unglücklicherweise oder fahrlässig geschehen ist, sei dahingestellt. Bei Noten mit Abdrücken von Profilsohlen ist die Lage klar, das Ergebnis aber auch…

Wenn also Originalnoten grundsätzlich und auch ausschließlich für den Eigenbedarf nicht kopiert werden dürfen, bedeutet das, dass alle verlorenen und unbrauchbar gewordenen Stimmen einzeln nachbestellt werden müssen. Komponist und Verlag profitieren also von meinem Pech: Regen beim Festzug, Kaffee und Bier auf der Bühne, unzuverlässige und schlampige Musiker wären des Verlags Freud. Kann es das wirklich sein?

Nicht wirklich, oder? Denn wenn dem so wäre, müssten die Verlage und Notenhändler einzelne Notenblätter viel prominenter und einfacher zum Kauf anbieten. Klar kann man (fast) alle Stimmen nachkaufen. Aber meist geht das nur über einen Anruf beim Verlag. Manchmal ist es überhaupt nicht einfach, an einzelne Stimmen zu kommen, wenn nur die Komplettsätze auf Lager sind. Da ist mir jedenfalls schon mal zu Ohren gekommen, dass dann auch der Verlag mal schnell und freundlicherweise den Kopierer verwendet.
Ich habe jedenfalls in Online-Shops noch nicht die Möglichkeit gesehen, einzelne Stimmen schnell und unkompliziert zu bestellen.

Dabei wäre es mit den aktuellen Online-Shops gar kein Problem, Notensätze nach Maß zu verkaufen. Man könnte sich dort genau die benötigten Stimmen zusammenstellen und bräuchte keine Stimmen mitzukaufen, die nie jemand im Orchester brauchen wird. Und wer ganz modern ist, bietet die Stimmen als pdf-Datei zum Download an. Das minimiert den Aufwand beim Verlag, spart die Investitionen in den Druck und natürlich auch Portokosten und ermöglicht dem Verlag eine Positionierung als innovativer Anbieter.

Und derartige Ideen, die das Leben etwas unkomplizierter machen, passen gut in die heutige Zeit, in der hochwertige Software unter dem Begriff “Open Source” kostenlos zur Verfügung gestellt wird und man sich im Web etliche interessante und kostenlose eBooks herunterladen kann.

Musikerfreundliche Noten
Auch das ist noch ein Punkt, der hier berücksichtigt werden muss. Denn manche Verlage drucken dermaßen platzsparend, dass das Notenlesen zu einem Kampf wird. Der einzige Freund des Musikers ist in diesem Fall der Kopierer mit seiner Vergrößerungsfunktion.

Und auch bei mehrseitigen Werken ignorieren die Verlage manchmal die Tatsache, dass umgeblättert werden muss. Befindet sich weder am Ende der einen Seite noch am Anfang der anderen Seite eine längere Pause, fällt als einzige Möglichkeit die ein, die Hälfte der Seiten zu kopieren und die Notenblätter seitlich aneinander zu kleben.
Sollte das verboten und ich wirklich gezwungen sein, beidseitig bedruckte Originalnoten doppelt zu kaufen, damit die Musiker einmal die Vorderseite und einmal die Rückseite aneinander kleben können? Klingt doch irgendwie absurd, oder?

Und was ist, wenn der Dirigent wissen muss, ob die 2. Trompete von Takt 20 bis 25 das gleiche wie die 2. Klarinette spielt? Muss er dann 2 seiner Musiker aufsuchen und die Informationen aus ihren Notenmappen suchen? Einfacher wäre es, wenn er dafür “nur” den Notenwart um Mithilfe bitten müsste, weil sich die Originalstimmen an einem zentralen Ort befinden.

Fazit

Die gleichzeitige Nutzung eines Notensatzes durch mehrere Kapellen ist nicht in Ordnung – das ist und bleibt klar. Nur der Besitz der Originale ist die Berechtigung, das Stück zu spielen.

Hinsichtlich des Kopierens für den Eigenbedarf sollte es aber klare Regeln geben, die sich am realen Leben orientieren und so gestaltet sind, dass alle Beteiligten gut damit leben können. Falsch ist es, bei den Musikkapellen Ängste zu schüren und unrealistische Dinge zu verlangen. Denn auch die Musik von Laienorchestern bereichert nicht nur das Leben der Musiker, sondern auch der Orte und Städte, in denen sie auftreten. Und es sollte nie so weit kommen, dass Musikgruppen nicht mehr musizieren und auftreten können, weil ihnen – gerade in der Gründungszeit – das nötige Geld zur Anschaffung von Noten fehlt.

Gibt es andere Meinungen, Erkenntnisse oder Tatsachen zum Thema? Dann ran an die Kommentarfunktion!

4 Kommentare

  1. Ängste schüren, ist sicherlich nicht hilfreich, aber aufklären ist richtig. Und da hilft der “normale Menschenverstand” manchmal halt nur bedingt weiter! Denn der trifft hier auf ein juristisches Problem. Auf (fast) jedem einzelnen Notenblatt ist der Hinweis des Copyrights vermerkt. Damit ist – zumindestens juristisch – ganz klar geregelt, dass Kopieren verboten ist! Und das unterscheidet Noten u.a. von Zeitungen, Zeitschriften, auf denen in der Regel kein Copyright abgedruckt ist.
    Fakt ist ebenfalls, dass Noten Verbrauchsmaterial sind, die Witterungsbedingungen, der Willkür der Benutzer und dem zeitlichen Verfall unterworfen sind, wie der Ölfilter am Auto, der DVD für´s Navigationssystem etc.
    Deswegen muss nun jeder mit “seiner Angst” umgehen und entscheiden, wie weit er/sie gewillt ist, die juristischen Fakten für sich zu beugen und doch mal ein Notenblatt die Glasplatte eines Kopierers berühren lässt.

  2. Würden alle Musikausübenden sich genau an die Vorgaben des Gesetzes halten, würde das Musikleben in unserem Land weitestgehend zum Erliegen kommen. Die an dieser absurden Gesetzeslage interessierten Kreise sollten sich dies vor Augen halten. Es steht außer Frage, daß der Urheber seinen Lohn für seine Arbeit und seine Kreativität erhalten muß, auch steht nicht zur Debatte, daß der Verlag, der Herstellungskosten gehabt hat, dafür entlohnt werden muß.
    Aber wie bitte stellen sich die Herrschaften vor, soll Unterricht mit einem Ensemble in einer Musikschule oder beim Privatunterricht ohne Kopien funktionieren? Wie soll ein Laienorchester oder -chor arbeiten? Diese Liste ließe sich fortsetzen.
    Jeder weiß doch, daß an Schüler oder Ensemblemitglieder zum Üben verteilte Noten über kurz oder lang verschwinden, und dann versuche mal einer, eine Einzelstimme zu einem angemessenen Preis vom Verlag zu bekommen.
    Wie soll sich ein Lehrer verhalten, der das zu Unterrichtszwecken an die Schüler empfohlenen Notenmaterial selbst zur Vorbereitung benötigt? Die Verlage sind keinesfalls bereit, Exemplare für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen. Die Möglichkeiten, Noten übers Internet als Dateien zur Verfügung zu stellen, wird m.E. von keinem deutschen Verlag genutzt., obwohl so der Urheber entlohnt würde und auch der Verlag nicht umsonst arbeiten müßte. Es sieht doch so aus, als ob unsere saturierten Verlage absolut innovationsfeindlich sind und lieber die Gesetzeskeule schwingen.
    Vielleicht sollten die Verlage öffentlich gemacht werden, die sich bei dieser musikerfeindlichen Tätigkeit besonders hervor tun.

  3. Kopieren erwünscht!

    Auf meiner Website finden Sie meine Musikstücke als free download oder sehr günstig zum ausdrucken.
    Alleine die GEMA-Meldung sollte bitte ausgefüllt werden, damit sich meine Arbeit etwas lohnt.

    Bitte weitersagen!

    Grüße
    Horst Haas

  4. Es bestürzt mich ein wenig, wie unreflektiert manche Menschen mit dm Eigentum anderer umgehen. Da soll das Musikleben zum erliegen kommen, nur weil man keine Mittel hat??? Wie ist das denn, wenn eine Schulklasse Getränke kauft oder ins Theater geht, oder zu Mac Donalds? Wenn sich Fanta, Theaterkarten und Hamburger kopieren ließen, würde reed das auch fordern, weil sonst das Trinken oder Essen zum erliegen kämen?
    Das einzige was sich nicht wehren kann, ist gedrucktes Eigentum. Mir geht das so, dass ich zum Schulanfang eine Liste bekomme, was ich für mein Kind kaufen muss. Stifte, Lineale, Hefte, Einbände. da kommen leicht 50,- € zusammen. Hier kommt kein Schulunterricht zum erliegen, weil die Menschen sich die Dinge, die sie brauchen kaufen müssennd nicht einfach kopieren können. Niemeand kommt auf die Idee, das Kopieren von Nintendospielen oder Gummibärchen zu verbieten. Und trotzdem kommt es nicht zum erliegen.
    Manfred

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