Neujahrskonzert des Musikkorps der Bayerischen Polizei
Ein Neujahrskonzert am 12. Januar - passt das noch in die Zeit? Bei der Bayerischen Polizei sehr wohl, denn sie ist bis Ende Januar mit ihrem Neujahrskonzertprogramm in ganz Bayern unterwegs. Aber die Neujahrskonzerte, die ich dieses Jahr erleben durfte, von den Wiener Philharmonikern (am Bildschirm) über das Münchner Salonorchester Tibor Jonas bis zu den K&K-Philharmonikern, haben alle eines gemeinsam: Die Musik ist so schön, dass es viel zu schade wäre, wenn sie nur am Neujahrstag auf die Notenpulte käme.
Das Musikkorps der Bayerischen Polizei eröffnete ihr Neujahrskonzert in Neubeuern traditionsgemäß mit einem Marsch, dem Neujahrskonzert entsprechend mit dem Aufzugsmarsch aus “Eine Nacht in Venedig”. Und auch wenn der Marsch aus der Feder von Johann Strauß stammt, hörte er sich doch einigermaßen blasmusikalisch und nicht rein klassisch an.
Und wieder traditionsgemäß folgte an zweiter Stelle im Programm eine Ouverture, diesmal aus dem Zigeunerbaron. Das Stück beginnt langsam und leise mit Solopassagen bei Klarinette, Flöte und Oboe. Das Orchester steigt später ein, kommt zum versteckten Walzer und lässt dann erneut Raum für ein Oboensolo.
Franz Léhar durfte den Strauß-Reigen im ersten Teil des Konzerts kurz unterbrechen. Denn wie auch im Vorjahr waren die Gesangssolisten Kerstin Möseneder und Martin Kiener mit von der Partie und zeigen ihre Stimmgewalt als Solisten mit “Meine Lippen, sie küssen so heiß” und “Gern hab’ ich die Frau’n geküsst”. Bei Emerich Kálmáns “Tanzen möcht’ ich” traten beide als Duett an und liessen hören, dass es auch beim Gesang einen zarten Einsatz im Piano geben kann.
Die Stimmen der beiden glänzten um die Wette mit den Lackschuhen des Dirigenten und des Sängers - ein Kontrast, der möglicherweise nur deshalb so aufgefallen ist, weil der Rahmen des Konzerts eher bescheiden war. Die Halle war bereits für Fasching auf Afrika getrimmt, und am Bühnenrand gab es nur ein paar einzelne verlorene Blumentöpfchen.

Dafür bot aber das Musikkorps unter Chefdirigent Mösenbichler bei der Polka “Unter Donner und Blitz” alles, einschließlich einer wahren Donnerwelle in den Tenorhörnern und im Euphonium und später von der Trommel.
“G’schichten aus dem Wienerwald” mit einem Solisten an der Zither - die Spannung war groß, wie das wohl werden würde. Das erste Zithersolo klang fast weihnachtlich, wenn auch etwas gewöhnungsbedürftig, weil über Anlage verstärkt. Der Lautstärkenkonstrast beim Einsatz des Orchesters war dann trotzdem gewaltig. Und damit begann auch die lange Zeit des Wartens für den Solisten. Denn bis zu seiner zweiten Solopassage musste er einige Minuten untätig überstehen, in denen ihn und die außen sitzende Flötistin zunächst irgendetwas amüsierte. Danach saß er jedoch sichtlich gelangweilt am Tisch neben dem Dirigenten - bis dann endlich sein zweiter Einsatz gefragt war.
Und weil ihn dieses Stück nun wirklich nicht gefordert hatte, durfte er danach noch ein wirkliches Solo für Zither zum Besten gegeben, das sich musikalisch und auch humoristisch sehen lassen konnte. Ein Thema mit Variationen von “Bring’se noch’n Bier” bis “Du, du liegst mir am Herzen” - interessant, wenn auch ungewöhnlich für das Konzert eines großen Blasorchesters.
Beim Polizeimusikkorps ist die Vogelschar “Im Krapfenwaldl” besonders groß. Zwei Flöten musste einer der Schlagzeuger abwechselnd blasen, um den Kuckuck darzustellen. Nach einem wilden Vogelgezwitscher am Ende durfte der Kuckuck dann auch nochmal solistisch rufen.
Mit 1 Stunde 10 Minuten war der erste Teil des Konzerts außergewöhnlich lang. So lang, dass sich die Zuschauer wohl gar nicht aus der Pause losreißen konnten, und die Musiker früher wieder auf der Bühne Platz genommen hatten, als etliche Zuschauer auf ihren Stühlen.
Im zweiten Teil des Konzerts entfernte sich das Musikkorps der Bayerischen Polizei dann etwas von der Tradition der Neujahrskonzerte und schwenkte mit zwei Gesangsstücken aus “My Fair Lady” fast in den Big Band-Sound.
Aber auch Johann und Eduard Strauß waren wieder mit von der Partie. Die Polka “Feuerfest” wurde als Solo für Amboss gespielt. Einer der Schlagzeuger kam bekleidet mit einer weinroten Schürze nach vorne und schlug einen größeren und einen kleineren Amboss, die allerdings recht gefährlich auf einem flach gelegten Notenständer lagen und beim ersten Schlag eine große Staubwolke von sich gaben.
Danach erhielt der Zug der Bayerischen Polizei sofort “Bahn frei”, so dass dem Solisten gar keine Zeit blieb, die Schürze wieder gegen das grüne Jackett zu tauschen.
Den Abschluß des offiziellen Konzertprogramms bildete ein Gesangsduo mit beliebten Melodien aus “West Side Story”.
Eine Freude war es bei diesem Stück, die Gestik und Mimik von Kerstin Mösenender und Martin Kiener zu beobachten.
Und weil beide auch dieses Mal das Publikum begeistern konnten, durften sie auch die erste Zugabe bestreiten.
“Komm’ mit nach Varasdin” aus “Gräfin Mariza” war das beschwingte Stück, das bei mir wohlige Erinnerungen an das Innsbrucker Promenadenkonzert der Gardemusik Wien im Juli 2007 weckte - nach wie vor eines der besten Konzerte, das ich erleben durfte.
“Viel Schwung im Neuen Jahr” wünschte Chefdirigent Johann Mösenbichler abschließend noch mit dem Radetzky-Marsch, bei dem er wie viele seiner Dirigentenkollegen auch das Klatschen der Zuschauer zu dirigieren versuchte.
Alles in allem ein langes, vielseitiges Konzert, dessen Moderation vielleicht professioneller gewesen wäre, wenn statt des einen oder anderen Witzes mehr Informationen über die Stücke und Komponisten gekommen wären. Das und die lockere Haltung der Instrumente beim Aufstehen unterscheidet eben das Musikkorps der Bayerischen Polizei vom Luftwaffenmusikkorps.



