Muskelverspannungen beim Musizieren
Klarinettisten haben es gut. Sie können ihr Instrument in einer normalen anatomischen Haltung spielen. Die Arme werden einfach nach vorne angewinkelt und fertig. Trompeter hingegen müssen die Arme heben und Querflötisten sind ganz arm dran. Denn sie müssen nicht nur die Arme sehr weit hochheben, sondern laufen auch noch leicht Gefahr, den Oberkörper zu verdrehen. Da sind Muskelverspannungen im Schulterbereich vorprogrammiert.
Stimmt schon, aber dann doch nur zum Teil. Denn der Körper soll sich nicht zum Instrument, sondern das Instrument zum Körper bewegen. Die Querflötistin muss also die Flöte so hoch halten, dass der Kopf nicht zur Seite geneigt werden muss. Und jeder Musiker sollte sich immer wieder selber beobachten und korrigieren, wenn er feststellt, dass er beispielsweise die Schultern hochzieht.
Dass es damit aber nicht getan ist – vor allem, wenn man lange übt und spielt – zeigt die Tatsache, dass es an der Frankfurter Musikhochschule sogar einen Professor für Musikphysiologie und Musikermedizin gibt.
Aber Verspannungen und Schmerzen sind nur ein Aspekt. Denn wer sich vor Augen hält, dass Musiker den ganzen Körper benötigen, um gute Musik zu machen, kann viel Gutes tun, bevor Probleme überhaupt entstehen.
Eine ganzheitliche Betrachtung ist also angesagt. Denn genauso wie jemand, der Probleme mit der Hüfte hat, und möglicherweise feststellt, dass das Übel bereits bei den Füßen beginnt und sich nach oben fortpflanzt, kann ein Musiker am Instrument Probleme bekommen, weil z.B. die Rumpfmuskulatur zu schwach ist.
Dehnungs- und Kräftigungsübungen also zusätzlich zum musikalischen Übungsprogramm? Ja, auf jeden Fall! So empfiehlt es jedenfalls Alexandra Türk-Espitalier in ihrem empfehlenswerten Buch “Musiker in Bewegung”, das 2008 im Musikverlag Zimmerman erschienen ist.
Und sie muss es wissen, ist sie doch gleichzeitig Diplom-Flötistin und Physiotherapeutin. Im Buch gibt sie zunächst eine Einleitung in das Themengebiet und listet die physischen und psychischen Anforderungen beim Musizieren auf. Liest man diese Liste, wird schnell klar, dass das Beherrschen des Instruments alleine noch keinen guten Musiker ausmacht. Oder anders ausgedrückt: Ein Musiker mit einem fitten Körper und Geist wird deutlich besser musizieren als andere.
Oftmals sind es ja auch “nur” Kleinigkeiten, die schon einen großen Unterschied machen. Wenn man beim Musizieren gerade auf seinem Stuhl sitzt und ob beide Füße fest auf dem Boden stehen, klingt der Ton wesentlich besser als in einer “Lümmelhaltung”. Schlägt der Klarinettist die Beine übereinander, ist das Knie dort im Weg, wo sich eigentlich das Ende der Klarinette befinden sollte. Die muss dann seitlich an den Beinen vorbei gehalten werden. Welche weiteren Ausgleichsbewegungen da noch gemacht werden, kann sich jeder selber ausmalen.
Also lieber zurück zum Buch und den vielen Gymnastikübungen. Viele davon kann man jederzeit und überall durchführen, andere erfordern Hilfsmittel wie z.B. ein Theraband. Und auch Übungen mit Instrument stellt die Autorin vor. Aus den einzelnen Übungen stellt sie schließlich Trainingsprogramme zusammen, so dass niemand mehr sagen kann, dass er nicht wusste, wie er sich fit machen sollte.
Natürlich sollten auch die Musiklehrer ihre Schüler in dieser Hinsicht anleiten, was ich aber leider noch nicht erlebt habe. Gymnastik hat ja bei Männern sowieso eher schlechte Karten, was allerdings ein Irrglaube ist. Denn die Übungen, die Türk-Espitalier für Musiker vorschlägt, sind natürlich auch für jeden Nicht-Musiker nützlich und helfen dem Musiker somit auch in seiner musikfreien Zeit.
Also, es gilt mal wieder: “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.” Die positiven Nebenwirkungen werden die Mühe belohnen.



