Das Luftwaffenmusikkorps I Neubiberg letztmals unter Hans Orterer
Dem Luftwaffenmusikkorps München ist es wieder gelungen, den Waitzinger Keller in Miesbach an zwei aufeinanderfolgenden Abenden restlos zu füllen. Ob es wohl daran lag, dass es nun auch für alle Miesbacher die letzte Möglichkeit war, die fast legendären Moderationen von Oberstleutnant Orterer zu genießen oder daran, dass ein halbes Dorf ausgerückt war, um den Sproß der örtlichen Musikkapelle in seiner neuen blauen Uniform zu bewundern? Denn erstklassige Musik ist auf jeden Fall geboten, wenn eines der Militärorchester auftritt.
4 Fanfarenbläser standen im Mittelpunkt des Eröffnungsmarsches, des “Parademarsches der 18er Husaren” von Alwin Müller, der durch einen Zufall zum Truppenmarsch des Generalarztes der Luftwaffe wurde.
Und eine Ouverture gehört an den Anfang eines jeden guten Konzerts. Die Wahl war auf Jaques Offenbachs Ouverture zu “Orpheus aus der Unterwelt” gefallen. Der Komponist, der bereits im zarten Alter von 14 Jahren in Paris mit dem Musikstudium begann, spielt darin auf die Zustände am kaiserlichen Hof an, die er hinter der Geschichte versteckt, in der die Gattin des Orpheus mit Hades durchbrennt. Allzu wild war das Treiben in der Unterwelt musikalisch dann aber doch nicht, und der abschließende Can-Can ist zwar schnell, aber durchaus melodisch.
Als einen großen Coup aus dem Verlagsmanagment kündigte Hans Orterer das nächste Stück an. So hatten sich die Ungarischen Tänze, geschrieben von Brahms für Klavier zu 4 Händen schnell als großer Erfolg rausgestellt. Und was einmal geht, so dachte sich der Verlag, kann vielleicht auch ein zweites Mal gehen. Antonin Dvorak wurde engagiert, nach dem gleichen Muster die Slawischen Tänze zu schreiben. Die Rechnung ging auf, und auf die Klavierausgaben folgten Orchesterfassungen als eigene Bearbeitungen. Als Beweis kam der Slawische Tanz Nr. 8 zur Aufführung.
Und wo ein Tanz ist, kann nur ein weiterer folgen, nämlich ein Walzer. Wer damit gleich an Johann Strauss Sohn denkt, so Hans Orterer, tut nicht nur seinen Brüdern Unrecht, sondern auch einer ganzen Reihe anderer Komponisten der gleichen Zeit. Einer davon ist Karl Komczak, in diesem Fall der mittlere der Folge aus Vater, Sohn und nochmal Sohn. Von Prag führte sein Lebensweg über Innsbruck nach Baden bei Wien, wo er Kapellmeister des Kurorchesters wurde. Die Mischung von Militär- und Kurmusik spiegelt sich im Walzer “Bad’ner Madln” wieder, in dem ein Marsch versteckt ist.
Marsch war das Stichwort für das folgende Stück, allerdings mit ganz anderen Akteuren: nämlich den Elefanten aus dem Dschungelbuch. Nicht nur sie, auch der Affenkönig, der Kolonialoffizier, 4 Geier und ein kleines indisches Mädchen ließ das Luftwaffenmusikkorps musikalisch auf der Bühne erscheinen. Hans Orterer hatte sichtlich Freude daran, über diesen Zoo zu regieren, und wurde dabei fast selbst zur Verkörperung des Bärs Balu.
Zum Abschluß des ersten Teils erklang der Schützen-Defiliermarsch von K.-G. Lippe, dem ersten Marsch, den Hans Orterer im Jahr 1976 bei seinem ersten Einsatz in Hamburg ausgesucht hatte.
Und auch in diesem Konzert kamen die Musiker des Luftwaffenmusikkorps brav nach der Pause wieder auf die Bühne. Bevor sie den zweiten Teil des Konzerts eröffneten, musste Hans Orterer eine Geschichte zum folgenden Stück erzählen. Denn sonst hätte sich wohl jeder gewundert, was die Schlagzeuger plötzlich mit einer riesigen Kuhglocke mit weiß-grünen Halsband wollten. Vor einigen Jahren hatte das Luftwaffenmusikkorps in Miesbach einen Marsch gespielt, in dem sie eine Schiffsglocke gebraucht hätten. In Ermangelung einer solchen verwendeten sie am ersten Konzertabend einfach Röhrenglocken. Der Landrat versprach, dass am zweiten Abend eine Glocke zur Verfügung stehen würde. Und er brachte eben diese Kuhglocke mit!
Zur Erinnerung an diese Begebenheit kam speziell für Miesbach der Marsch “The Liberty Bell” auf das Programm. Cross-Over zwischen Sousa und einer bayerischen Kuhglocke, die allerdings streckenweise auch nicht besser als ein alter Kochtopf klang….
Mit Cross-Over ging es weiter: In “Glen beats the battle of Jericho” hat Jeff Penders, der Niederländer mit Wohnsitz in Spanien, Spiritual und den Stil Glen Millers so gut gemischt, dass es klingt, als hätte es so gehört. Das Stück beginnt sanft und solistisch in den Saxophonen und Klarinetten. Dann steigen die Trompete mit Dämpfer ein, bis dann die Zeit für ihr Solo gekommen ist.
Das war aber nur die Vorübung, denn im nächsten Stück sollten die Trompeter ihren ganz großen Einsatz bekommen. Als “Mexikanische Trompeten” konnten sie beweisen, dass sie sowohl mit dem 6/8-Takt und seinen ständigen Betonungswechseln klar kommen, als auch in der Höhe sattelfest sind. Ein Stück, das man stundenlang hören könnte, so Hans Orterer, das aber leider nicht so lange spielbar ist.
Von Mexiko ging die Reise weiter nach Irland. Die Suite “The Rags of Mellow” von Leroy Andersen stand als nächstes auf dem Programm. Hier war die Fagottistin - eine von zwei Musikerinnen im Luftwaffenmusikkorps - gefragt und lieferte ein Solo im Wechselspiel mit der Piccoloflöte. Auch die anderen Holzbläser mussten im Laufe des Stücks gewaltig ihre Finger fliegen lassen, was ihnen natürlich meisterhaft gelang.
“Zum Städel hinaus”, das ist der Titel eines Marsches, der mit dem bekannten Lied weder verwandt noch verschwägert ist und vonGeorg Meissner, einem Zollbeamten aus Stralsund, komponiert wurde.
In seiner nächsten Moderation sinnierte Hans Orterer über die Fernsehsendung “Deutschland sucht den Superstar”. Seiner Meinung nach kann man einen Superstar nicht suchen. Zum Superstar wird jemand, wenn er 30 Jahre Bühnenpräsenz und hervorragende Leistungen aufweisen kann, wie beispielsweise Frank Sinatra. Und als Beweis für seine Aussage folgte ein Medley mit so bekannten Melodien wie “New York, New York”, “The Lady is a Tramp” und “My Way”. Dabei spielte das hohe Blech so zart, wie man es sonst nur den Flöten zutrauen würde - es geht also, wenn
man nur will!
Jedes Konzert hat ein Ende, und so natürlich auch dieser Auftritt des Luftwaffenmusikkorps. Und da sollte es zum Abschied von Hans Orterer noch etwas Besonderes geben. Da er zum Dienstantritt einen Marsch komponiert hatte, tat er dies nun auch zum kommenden Dienstende.
Und welcher Titel passt zu solch einem Marsch? “Das war’s”! Tja, und ich glaube, ich habe da ein paar musikalische Seufzer gehört und auch ein paar als Abschiedstränchen tropfende Töne gehört. Aber es war natürlich kein Trauermarsch, und so kam es mir vor, als hätte Hans Orterer auch einen gewissen Schwung hineinkomponiert, der für ihn den hoffnungsvollen Blick in einen neuen Lebensabschnitt darstellen sollte.
Und natürlich geht es ja mit dem Luftwaffenmusikkorps weiter, denn J. Krinner steht bereits als Nachfolger fest. 22 Jahre jünger ist er, geboren in Garmisch-Partenkirchen, aufgewachsen in Mittenwald und froh, aus dem fernen Neubrandenburg wieder in die Heimat zurückkehren zu dürfen. Und so sind auch die Konzerte am 8. und 9. November 2010 in Miesbach schon so gut wie gesichert.
Natürlich war es das auch noch nicht ganz, denn was wäre ein Konzert ohne Zugaben? Das hatte das Luftwaffenmusikkorps natürlich auch schon erwartet und noch ein paar Märsche mitgebracht.
“Aller Ehren ist Österreich voll” - ist das ein Titel für einen Marsch? Johann Nowotny vom Regiment Theresienstadt hatte das erst so gedacht, änderte den Titel dann aber in “92er Regimentsmarsch”. In dem Marsch ist die Kaiserhymne versteckt, die die Hornisten solistisch darboten.
Und wer sich dabei an die Deutsche Nationalhymmne erinnert fühlte, hat nicht Unrecht. Aber der Kaiser war eher da…
Ein Walzerkomponist, der einen Parademarsch geschrieben hat… Hans Orterer machte es spannend - meinte aber nichts anderes als den Radetzky Marsch, der als zweite Zugabe geboten wurde.
Er bedankte sich auch hier bei den fleißigen Händen, die mustergültig für die Beleuchtung und die Tontechnik sorgten und das Musikkorps nach dem Auftritt am Montag bestens mit Essen versorgt hatten. Offensichtlich ist das nicht überall selbstverständlich.
Ja, und dann war es aber wirklich aus. Der Fliegermarsch ist und bleibt das letzte Stück eines jeden Konzerts des Luftwaffenmusikkorps.
Es hätte mich auch gewundert, wenn sich die dritte Militärmusik mit “Guten Abend, Guten Nacht” verabschiedet hätte. Und schließlich ist der Fliegermarsch auch ein schöner Marsch aus der Operette “Der fliegende Rittmeister”.




Hans Orterer bleibt in der Geschichte der Militärmusik der Bundeswehr einer der ganz Großen. Er hat sich nie verbogen und ist seiner musikalischen Linie treu geblieben: Ein Militärorchester muss seine Märsche perfekt spielen. Ganz anders dagegen viele seiner Kameraden - sie pervertieren Darbietungen wie den “Marsch der Bundeswehr” zu einem Ausschnitt aus “Menschen, Tiere, Sensationen” - manchmal hörte es sich sogar an, als ob nur jeder zweite Musiker Töne produzierte. Obwohl Hans Orterer sich an einigen Wettbewerben beteiligte, konnte er nie gewinnen. Seine zackigen Märsche passten nicht zum Zeitgeist.