Kabarettreifes Konzert von esBRASSivo

Geschrieben am 29.05.2010 von Marion in der Kategorie Konzerte

Am Anfang erschien alles ein wenig traurig: Der nicht allzu große Saal des neuen Vereinsheims in Stephanskirchen fasste gerade mal 120 Stühle, und die waren dann nicht mal alle besetzt. Aber esbrassivo ist es gelungen, diese Situation mit all ihren Vorteilen optimal zu nutzen. Und so erlebten die rund 100 Besucher nicht einfach ein schönes Konzert, sondern eine kabarettreife, interaktive Bühnenvorstellung des Blechbläserquintetts. Das aktuelle Konzertprogramm trägt den Titel “Blech für die Welt”, aber die Welt muss nicht immer groß sein, wenn nur ihr Nabel da ist, wo esbrassivo spielt…

karte esbrassivo Kabarettreifes Konzert von esBRASSivo

Die esBRASSivo-Fanfare zur Eröffnung des Konzerts schien ein wenig überdimensioniert für den Saal und hätte in ihrer Würde eher eine Kirche oder einen großen Konzertsaal verlangt. Aber man muss nehmen, was da ist. Und man muss sowieso froh sein, dass es diese esBRASSivo-Fanfare überhaupt gibt. Denn wenn Marinus Brückmann den Zuhörern nicht gleich in seiner ersten Moderation einen Bären aufgebunden hat, dann wurde das Stück schon vor 15 Jahren vom Trompeter Josef Lang komponiert, aber erst vor einem Jahr per Zufall beim Aufräumen wieder gefunden…

Jedenfalls war mit dieser lockeren Ansage gleich das Eis gebrochen und klar, dass die 5 Blechbläser trotz ihrer ernst wirkenden schwarzen Anzüge kein steifes Kammerkonzert abliefern würden.
Und daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Georg Friedrich Händel als nächstes auf dem Programm stand. Der “Einzug der Königin von Saba” wurde nämlich dem Nachwuchs der esbrassivo-Musiker gewidmet, auch wenn es sich dabei genaugenommen um 3 Könige und nur eine Königin handelt.

Mit der Filmmusik “Aus der Mitte entspringt ein Fluß” ging es im Programm weiter. Das Stück ist schon länger im Repertoire, denn es befindet auf der ersten CD von esbrassivo, von der vor der Pause des Konzerts nur noch 13 Stück im Angebot waren. Ob wohl die letzte CD tatsächlich für die angekündigten 580 Euro über den Ladentisch ging?

Das nächste Stück und sein Beiprogramm war im wahrsten Sinne des Wortes ein Knaller, bei dem nicht nur die jungen Besucher und Musikschüler auf ihre Kosten kamen. Zunächst verteilten die Musiker eigenhändig Papiertüten an die Zuschauer, je 2 pro Person, eine für die Generalprobe und eine für die Aufführung. Was war zu tun, um das nicht vorhandene Schlagzeug zu ersetzen? Klar - Papiertüte aufblasen und auf Kommando platzen lassen. Nur das mit dem Kommando oder dem einheitlich Hören auf selbiges war natürlich so ein Problem. Während die Generalprobe noch ganz gut klappte, nutzte jeder im echten Stück eine andere Stelle, um einen Tüten-Schlag loszuwerden. Aber eine Gaudi war es allemal, eine super Idee, die in dem kleinen Saal und bei der Nähe von Musikern und Publikum bestens zur Geltung kam.

Danach ging es aber wieder zurück zur Klassik. Wenn man Marinus’ Legenden glaubt, dann wurden die Noten ebenfalls per Zufall in einer Mauernische des Hotel Sacher in Salzburg gefunden. “Für esbrassivo, euer Wolferl”, soll drauf gestanden sein…. “Eine kleine Nachtmusik”, sagte das musikalische Ohr nach wenigen Takten.

Und noch immer waren Papiertüten im Umlauf, was für Tom Stadler die Ansage des nächsten Stücks erschwerte - musste er doch irgendwie deutlich machen, dass sie eigentlich 7 Stücke hätten, aber trotzdem ein ganzes Stück spielen würden, aber von zwei Notenblättern, von einem nur zwei Seiten, vom anderen auch… Wie auch immer, heraus kamen die Westernhelden. Und man hörte sie förmlich reiten, das Horn hat mächtig Sporen gegeben und auch die Posaune ließ sich nicht lumpen, die Pferde vor dem geistigen Auge erscheinen zu lassen.

Die Melodie zu “Puttin’ on the Ritz” kennt man. Wer dabei aber bisher an eine Ritze gedacht hatte, wurde von esbrassivo eines besseren belehrt. Es bedeutet, gut gekleidet zu sein - so wie die Bläser es auch waren. Und eine gute Figur machten sie natürlich auch hier wieder musikalisch mit sauberen Kontrasten zwischen piano und forte.

Den Abschluß des ersten Teil des Konzerts bildete - passend zum Ambiente des Saals des Trachtenvereins - eine Bläserweise von Josef Lang, der übrigens alle Stücke des Quintetts arrangiert hat.

Nach der wohlverdienten Pause für Bläserlippen ging es im zweiten Teil weiter mit der “Leichten Kavallerie” von Franz von Suppé, die alleine von der Länge her sicher nicht so leicht zu spielen war.

Ehrengäste gab es an diesem Abend keine zu begrüßen, allenfalls die zwei Steuerberaterinnen des Quintetts. Gerne hätten ihnen die Musiker beim “Libertango” rote Rosen überbracht, aber da ja Hände und Mund beim Spielen gebraucht werden, hatten sie davon dann doch Abstand genommen. Und der Tanz, der “verreckt” zu tanzen ist, hat es auch musikalisch in sich. Fast hätte man meinen können, jeder Musiker würde ein eigenes Stück spielen. Und die Tuba musste in diesem ganzen Durcheinander einen kühlen Kopf bewahren und gleichmäßig den Rhythmus durchspielen. Bei einem Jugendorchester hätte man sicher vermutet, dass ein paar falsch spielen, aber bei den Profis liegt dieser Gedanke natürlich fern.

Von Rosen war schon die Rede, und so war die Überleitung zu “The Rose” schon da. Und hier gab es wieder etwas Kabarett: Es begann ganz normal mit einem Hornsolo und 2 Flügelhörnern, die einen weichen Klangteppich lieferten. Nach dem Instrumentenwechsel bei Korbinian Weber auf die Trompete folgte sein Solo mit dem Flügelhorn von Josef Lang - so schön, dass die anderen drei nicht mehr auf ihren Stühlen zu halten waren und vor Ehrfurcht auf die Knie fielen. Und weil es so schön war, traten Korbinian und Josef anschließend nach vorne und gaben sich Hand in Hand vor dem virtuellen Traualtar das Hochblechbläser-Jawort….

Wahrscheinlich hat eBay nach dem Konzert verwundert bemerkt, dass die Zugriffszahlen schlagartig angestiegen sind. Denn es musste doch geklärt werden, ob Tom Stadler tatsächlich als Mausi4711 gerade 3 seiner Tuben zu verkaufen versucht und wie sich die Preise entwickeln würden….
Derblecken gibt es also nicht nur in der Starkbierzeit, und als Draufgabe wurde dem Tom, Vater von zwei Söhnen, auch der “Zipfe Miche” gewidmet, ein ruhiger Zwiefacher, der mit einigen trompeterischen Glanzlichtern garniert war.

In der familiären, wohnzimmerartigen Atmosphäre konnten es sich die Musiker auch erlauben, das Verrücken ihrer Stühle und das Ausleeren des Wassers aus den Instrumenten richtiggehend zu zelebrieren und damit für den einen oder anderen Lacher zu sorgen. Umso schwieriger muss es aber gewesen sein, schlagartig wieder ernst zu werden und den 1. Satz von Bachs Brandenburgischem Konzert zu spielen.

Nach diesem Ausflug in die Klassik folgte ein Stück für die Vorstellungskraft der Zuschauer. Was stellt man sich bei “Music to watch girls by” vor? Marinus Brückmann verriet seine Version: Kuba, Strand, Zigarre - und dann schauen, wie die schönen Frauen vorbeispazieren. Ob Kuba oder nicht, man hat die Damenwelt tatsächlich flanieren sehen. Und alles war dabei - von schrillen Erscheinungen in hohen Schuhen vielleicht auch mit extravaganten Hunden bis zu gemütlichen älteren Damen - ein munteres Treiben auf der Promenade, das erst beim musikalischen Einbruch der Dunkelheit endete.

Damit endete aber weder das Konzert noch die Kabarett-Show. Ganz im Gegenteil, ein neuer Höhenflug stand an. In “Der rote Sarafan” zeigte Korbinian Weber zunächst seine Künste als Dirigent - komödiantisch natürlich - und gab seinen Kollegen die Einsätze. Dann musste er schnell den Schalter umlegen, sich umdrehen und sein atemberaubendes Trompetensolo zum besten geben. Wer ko, der ko, kann man da nur sagen.

Eigentlich hätte dieses Glanzlicht das Konzert beeinden sollen. Aber in Applaus und Begeisterung waren die 100 Besucher nicht zu toppen. Der Funke war dauerhaft von der Bühne ins Publikum übergesprungen, und die Begeisterung wurde nun auf die Bühne zurückgegeben.
Eine Zugabe als lästige Pflichtübung und dann schnell heim, bei den paar Leuten? Nicht bei esbrassivo! Tom hatte mit seiner Tuba noch eine Rakete im Köcher. Angekündigt war der Tiger Rag, an den er bzw. ein früherer Nachbar von ihm schlechte Erinnerungen geknüpft hat. Warum wohl? Das wurde im Laufe des Stückes klar, denn es kam nicht zur Frage “Wo ist der Tie-cher”, sondern zur klaren Aussage “Tom ist der Elefant”…

Aber das reichte dem Publikum natürlich noch immer nicht, so dass auch noch Bachs “Kleine Fuge in G-Moll” auf die Notenständer geholt wurde - das Stück, wo Bach erst im 18. Takt das Pedal einsetzt, um angeblich seinen lädierten Meniskus zu schonen. Ob’s wahr ist oder nicht, sei dahin gestellt. Jedenfalls hatte der Tuba-Elefant nach seinem Solo und der Ansage noch ein wenig Verschnaufpause bis zu seinem Einsatz.
Und selbst nach der dritten Zugabe war das Publikum noch nicht bereit, den Saal zu verlassen. So mussten die esbrassivos musikalisch den Mr. Sandman zu Hilfe holen, um das Publikum in das Reich der Träume zu entführen.

Über 2 Stunden Blechbläsermusik vom Feinsten, Musiker zum Anfassen und kabarettreife Einlagen - das Konzert war ein Erlebnis! Pech für die Mehrheit der Blechbläser der örtlichen Musikkapelle und alle anderen, das sie das verpasst haben.

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