Guter Musikunterricht für Jugendliche und Erwachsene
Unterscheidet sich Musikunterricht für Jugendliche und für Erwachsene?
Wenn ich an meinen Musikunterricht als Jugendliche zurückdenke und die Erfahrungen aus dem Unterricht der letzten Monate betrachte, kann ich diese Frage klar mit “Ja” beantworten. Warum das so ist und wodurch sich gute Musikstunden auszeichnen, zeigt dieser Beitrag.
Motivation
Ein Erwachsener, der Musikunterricht nimmt, macht das aus freien Stücken. Er möchte ein Instrument lernen, hat vielleicht sogar ein konkretes Ziel vor Augen und ist dadurch gut motiviert.
Einige Jugendliche hingegen werden von ihren Eltern in den Musikunterricht geschickt und verstehen (noch?) nicht, welche Chance ihnen damit geboten wird.
Und genau hier erkennt man einen guten Musiklehrer. Sein Herz schlägt für die Musik, und diese Begeisterung kann er an seine Schüler weitergeben.
Zeit
Jugendliche werden auf Dauer in der Musikschule angemeldet und haben jede Woche Unterricht. An einem Nachmittag ist immer Zeit dafür. Ein erwachsener Musikschüler kann oft nur alle 14 Tage Unterricht nehmen und ist dafür darauf angewiesen, dass dieser nach Feierabend oder in der Mittagspause stattfinden kann. Oft beschränken sich Erwachsene auch nur auf einzelne Musikstunden und reihen sich gar nicht in die Semesterordnung der Musikschulen ein.
Der zeitliche Aspekt hat natürlich auch seine Auswirkungen auf das Übungsprogramm und die Übungsfortschritte. Erwachsene haben oft nicht so viel Zeit zum Üben. Manchmal wird der Übewille auch dadurch eingeschränkt, dass Feierabendzeiten und Hausordnung in Konflikt kommen. Deshalb wird der gute Musiklehrer vor allem seinen erwachsenen Schülern realistische Ziele setzen und sie daran messen. Wenn der Schüler sein Möglichstes gibt, sollte ihm der Musiklehrer kein schlechtes Gewissen einreden, dass er zu langsam voran kommt.
Musikalische Ziele
Erwachsene, die Musikunterricht nehmen, haben oft ein konkretes Ziel, dass sie mit ihrem neuen Instrument erreichen wollen. Und dieses Ziel sollte der gute Musiklehrer in Erfahrung bringen und mit seinem Schüler daran arbeiten. Möchte der Erwachsene also beispielsweise in einem Orchester mitspielen, macht es viel Sinn, Orchesterstücke im Unterricht zu üben, sofern die Grundlagen gefestigt sind und längerfristig Unterricht genommen wird.
Haben Jugendliche kein musikalisches Ziel, wenn sie ihr Instrument bereits einigermaßen beherrschen, sollte der gute Musiklehrer Perspektiven und Möglichkeiten aufzeigen, z.B. in Ensembles der Musikschule. Das gemeinsame Musizieren motiviert und macht deutlich mehr Spaß als das “stupide” erscheinende Durchspielen von Etüden.
Vorkenntnisse
Erwachsene Schüler wenden sich ja manchmal an einen Musiklehrer, um ein weiteres Instrument zu lernen. Das bedeutet, dass sie bereits Vorkenntnisse mitbringen und z.B. Noten und Notenwerte kennen. Und wenn sie im Eifer des Gefechts die Viertelnote mal zu kurz spielen, sollte der gute Musiklehrer hier keine Vorträge halten, sondern sich auf das Wesentliche konzentrieren, was auf das neue Instrument bezogen ist.
Oft ist es auch so, dass der erwachsene Schüler seine Fehler beim Spielen im Unterricht schnell selber erkennt. Am Anfang bleiben Fehler einfach nicht aus. Und genau das weiß der gute Lehrer, unterlässt Kritik, sondern versucht, die Ursachen zu erkennen und mit Tipps zu helfen.
Hilfe zur Selbsthilfe
Ganz ohne Etüden oder eher langweilig erscheinende Übungen geht es natürlich nicht. Wenn aber das Ziel klar ist und sich der Schüler damit identifiziert, steigt die Motivation für Ton- und Ansatzübungen.
Gerade für erwachsene Schüler mit wenigen oder unregelmäßigen Stunden ist es wichtig, von seinem Lehrer Übungen zu lernen, mit denen er Ansatz, Atemtechniken Fingerfertigkeit oder spezielle Techniken erlernen und trainieren kann.
Interesse und Fragen
Erwachsene informieren sich parallel zum Unterricht oft noch in anderen Quellen oder bei anderen Musikern, um noch schneller voranzukommen und die Zusammenhänge des Instruments zu verstehen. Sie werden Fehler oder Phänomene kritischer hinterfragen. Darauf sollte der gute Lehrer vorbereitet sein und sich eher als Coach oder Partner sehen. Eine von Hierarchiedenken geprägte Lehrer-Schüler-Beziehung ist vor allem bei Erwachsenen fehl am Platze, sollte aber auch bei Jugendlichen nicht an der Tagesordnung sein.
Auch Fließbandarbeit mit minimaler Pflichterfüllung kommt bei einem guten Musiklehrer nicht vor – denn damit kann er seine Schüler nicht motivieren und für die Musik begeistern.
Der erwachsene Musikschüler sollte auch nicht den Eindruck bekommen, dass der Lehrer immer mehr Unterricht verkaufen will. Wenn der Lehrer gut ist, wird der Erwachsene gerne mehr Unterricht nehmen, weil er merkt, dass ihm das etwas bringt. Wenn nicht, wird er entweder versuchen, alleine weiter zu kommen oder sucht sich einen andere Lernmöglichkeit, z.B. bei Musikseminaren.
Fazit
Es gibt sicher noch ein großes, derzeit ungenutztes Potenzial an Erwachsenen, die gerne ein Musikinstrument lernen möchten, diesen Wunsch aber nicht umsetzen, weil sie der Meinung sind, dass Musikunterricht nur etwas für Kinder und Jugendliche ist.
Und hier könnten sich Musiklehrer und -schulen mit speziellen Angeboten eine neue Kundengruppe erschließen und vielen Menschen die Freude an der Musik vermitteln. Sie müssen es allerdings tun und gut tun.




Hallo, finden deinen Bericht sehr interessant, ich als Lehrer habe gemerkt das die Beziehung Lehrer -Schüler sehr sehr wichtig ist. Wie eine Art Freundschaft mit gegenseitigem Respekt.
Natürlich gibt es diese Schüler die geschickt werden, und wo man schon weiss was einem erwartet vor der Unterrichtsstunde, aber diese Lektionen sollten nicht zu oft vorkommen, da dies sehr viel Energie und Nerven kostet.
Und falls ein Lehrer nur solche Schüler hat sollte er sich fragen ob es nicht an ihm selber liegt…
Liebe Marion,
ich finde Deinen Bericht sehr treffend beschrieben und kann ihn nur bestätigen. Ergänzend würde ich noch eine Gemeinsamkeit zwischen dem Unterricht für Erwachsene und den für Kinder und Jugentliche: wir müssen sie als Lehrer darin unterstützen, daß sie möglichst bald ihr eigener Lehrer werden. Das heißt in letzter Konsequenz, daß wir uns überflüssig machen. Eine Form könnte sein, daß man von sich aus den Schüler nach 3 bis 4 Jahren “gehen” läßt, oder ihn an einen guten Kollegen weiterleitet. Auch eine Form des Loslassens…
Beste Grüße,
Kai Bohun