Blech statt Krise: Konzert mit Esbrassivo

Geschrieben am 14.03.2010 von Marion in der Kategorie Konzerte

“Blech statt Krise” und den Untertitel “Tröste dich mein Volk” hatte sich das Blechbläserquintett “Esbrassivo” aus dem Rosenheimer Land für ihre Konzertreihe in der Passionszeit ausgedacht. Ihr Ziel war es, ein Lächeln auf die Gesichter der Zuschauer zu zaubern. Und nicht nur das ist ihnen gelungen - auch auf den Gesichtern der Musiker war das Lächeln zu sehen. Die besten Zeichen also für ein gelungenes Konzert in der Christkönig-Kirche in Degerndorf.

Die Ouverture und die Suite aus Georg Friedrich Händels Wassermusik bildeten den Einstieg in das Kirchenkonzert. Das Stück wurde, wie Hornist Marinus Brückmann erklärte, ursprünglich für den König komponiert, der eine Lustfahrt auf der Themse unternahm und zu beiden Seiten seines Schiffs je ein weiteres Schiff mit einem Orchester fahren liess.
Und auch wenn Esbrassivo mit 5 Blechbläsern weit von der Größe von 2 Orchestern entfernt ist, klang die Wassermusik sehr hörenswert. Die Trompetenstellen kennt man ja eh, und sie klingen im Quintett so gut wie mit einem Orchester.

Bot der Bass im langsamen Satz der Suite noch den satten Klangteppich in der Tiefe, zeigte er im schnellen Satz, dass er, zusammen mit der Posaune, auch schnell spielen kann.

Bei diesem Konzert war die Scheu der Zuhörer, in der Kirche zu applaudieren, schnell verflogen, so dass es bereits beim Einzug der Musiker Beifall gab. Am Ende der einzelnen Stücke bemühten sich die Bläser, das Stück noch ein wenig nachklingen und -wirken zu lassen, indem sie die Instrumente nicht gleich absetzten. Der Beifall wollte aber manchmal doch gar nicht so lange warten…

Beim zweiten Stück gab es für mich ein gewisses Déjà-Vu-Erlebnis. Denn in der gleichen Kirche findet alljährlich das Adventskonzert des Gebirgsmusikkorps Garmisch-Partenkirchen statt, das natürlich den ganzen Altarraum füllt. Und da kündigt Tubist Tom Stadler “Schafe können sicher weiden” aus der Bach-Kantate “Was mir behagt, ist nur die Jagd” an. Flöten und Klarinetten hatten mich damals begeistert und an das weiche Fell der Schafe erinnert. Wie das nun wohl mit den Blechbläsern klingen würde?
Die Sicherheit der Schafe wurde wieder durch einen dichten Klangteppich im tiefen Blech vermittelt. Darüber legten sich die Trompeten - natürlich um einiges schillernder als die Hölzer, aber durchaus auch mit klar erkennbaren Abstufungen zwischen leisen und lauteren Tönen. Anders halt, aber auf seine Weise auch schön.

Passend zur Passionszeit folgte “Kommt eilet und laufet” aus dem Bach’schen Osteroratorium - eigentlich für ein großes Orchester komponiert. Aber es geht auch zu fünft. Besonders viel zu tun hatte Markus Bauer an der Posaune. Korbinian Weber und Josef Lang griffen beide zur Piccolo-Trompete, was aber keinesfalls zum Angriff auf die Ohren der Zuhörer wurde. Denn entweder wechselten ihre zu spielenden Passagen ab, oder es spielte einer hoch und der andere tiefer.

Da es im Quintett ja keinen Dirigenten gibt, müssen sich die Musiker anderweitig über den Einsatz verständigen. Und Esbrassivo tat das so, wie es gute Dirigenten und Dozenten lehren: mit dem gemeinsamen Einatmen. So etwas bekommt man natürlich nur bei aufmerksamen Beobachten aus den ersten Reihen mit. Und von dort machte auch das Blechbläser-Auge wieder eine Entdeckung bei einem Profi-Instrument: ein BERP am Waldhorn - für die eigenen Tonübungen oder eher für den Schüler-Unterricht?

Weiter ging es im Konzertprogramm mit eher weltlichen Stücken, die aber trotzdem gut in eine Kirche passen. Die Titelmelodie zum Film “Schindler’s Liste” wurde angesagt als trauriges Stück, dass bewegend zu spielen sei.
Und so war es auch im ersten Teil: Waldhorn und Posaune hatten das erste Wort, dann kam sanft das Flügelhorn dazu, später die C-Trompete in einer recht tiefen Lage, dass der Trigger am 3. Zug in Aktion kam. Im zweiten Teil durfen dann sowohl C- als auch B-Trompete wieder in der Höhe strahlen, offensichtlich in Erleichterung und als Ausdruck eines gewissen Triumphs der von Schindler geretteten Menschen.

Musical-Musik in der Kirche? Ja, wenn es “Jesus Christ Superstar” ist, dann auf jeden Fall. Und hier hat sich wieder gezeigt, warum die Hochblech-Bläser einen ganzen “Zoo” an Instrumenten bei sich hatten: B-, C-, D-Trompete, Piccolo und Flügelhorn. Denn das Flügelhorn reihte sich bei Webber sanft ins tiefe Blech ein und bestritt auch den langsamen Teil, bevor die Posaune dann den rockigen Teil einleitete, dem zum Abschluss das bekannte Hauptthema folgte.

Den Abschluß bildeten Händel und sein Messias. Dafür hatte sich Esbrassivo etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Marinus Brückmann las ausgewählte Passagen aus Stefan Zweigs “Sternstunden der Menschheit”. Dort wird beschrieben, wie Händel nach seinem Schlaganfall zunächst einseitig gelähmt war und weder schreiben noch reden konnte und wie er sich mit warmen Bädern langsam wieder erholt hat. Und der Messias war das erste Stück, dass er nach seiner Genesung fertig geschrieben hatte.
Das Amen bildete den Abschluß des Konzerts, zwei Mal gespielt von den schillernden Trompeten.

Fast machte es den Anschein, als wollten die Musiker danach schnell von der Bühne verschwinden. Neja, so ganz hätte man es ihnen nicht verdenken können, denn in der Kirche war es eiskalt, und wenn es schon für die Zuhörer nicht angenehm war, dann für die Musiker erst recht nicht.
Aber natürlich gab es noch eine Zugabe - als Kontrast zur nicht schweigen wollenden 18 Uhr-Glocke - das Halleluja aus dem Messias.
Hier zeigten sich scheinbar gewissen Zweierkoalitionen im Quintett, die jeweils miteinander spielten: erst Posaune und Waldhorn, dann beide Trompeten, dann Posaune mit einer Trompete, Posaune mit Tuba und abschließend die Tuba alleine. Tom an der Tuba war der einzige, der mit seinem großen Instrument während des Konzerts sitzen durfte. Die Stufen zum Altar verhalfen ihm zur gleichen Augenhöhe wie seine tiefer stehenden Kollegen.

Nach reichlichem Schlußapplaus zogen die Musiker aus…kamen aber wieder und spielten noch Bachs Fuge in G-Moll. Tom Stadler stellte dazu seine Musiker entsprechend der Orgel vor: Die oberen Manuale für die höchsten Töne im Quintett kommen von den Trompeten, etwas darunter liegt das Waldhorn. Das tiefste Manual vertritt die Posaune, und für die Pedaltöne schließlich sorgt die Tuba. Sie hatte aber im Stück doch ausreichend zu tun, selbst wenn es stimmt, dass Bach wegen eines Meniskuss-Risses im linken Knie mit dem linken Fuß auf der Orgel weniger aktiv war.

Es war ein interessantes, abwechslungsreiches Konzert, das sicher noch länger hätte sein können - wenn die Kirche etwas wärmer gewesen wäre. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt, und da auch weitere Konzerte von Esbrassivo.

Die Termine, Bilder und auch Töne gibt es übrigens auf der neu gestalteten Webseite von Esbrassivo - einfach mal reinschauen.

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