Bläsermusik auf 1800 m Höhe – esBRASSivo am Wendelstein
Bereits zum dritten Mal fand letzte Woche das Konzert von esBRASSivo auf dem Wendelstein statt. Feinste Blechbläsermusik und eine herrliche Aussicht vom Hausberg des Inntals lockten so viele Besucher an, dass der Veranstalter kurzerhand zwei Züge der Zahnradbahn einsetzte, um alle auf die Aussichtsterrasse zu bringen.
Wer bereits das esBRASSivo-Konzert in Stephanskirchen erleben durfte, für den war es sozusagen ein Da Capo mit Sonnenuntergang, aber auch mit kleinen Variationen, da esBRASSivo mal wieder ihre Fähigkeit zu Interaktion mit dem Publikum und Situationskomik unter Beweis stellten.

Der erste Teil des Konzerts wurde dann auch tatsächlich auf der Terrasse gespielt, obwohl es ziemlich kalt und windig war. Aber der Veranstalter wollte den Besuchern einerseits den Sonnenuntergang präsentieren und andererseits verhindern, dass die Luft im zum Konzertsaal umfunktionierten Panoramarestaurant zu schnell zu schlecht würde.

So konnte man wenigstens auch mal die esBRASSivo-Jacken mit der goldenen Stickerei bewundern, die die Bläser hinter den CDs in ihrem Shop ein wenig anonym anbieten.
Los ging das Konzert wieder mit der Fanfare und dem “Einzug der Königin von Saba”, der diesmal dem Einzug der Besucher auf den Wendelstein gewidmet wurde.
Ein Marsch endet immer mit einem Trommelschlag, verriet Marinus Brückmann anschließend. Aber was tun, wenn es keine Trommel gibt? Richtig, das Publikum muss mit platzenden Papiertüten helfen. In Stephanskirchen sei das allerdings eine Katastrophe gewesen, so der Moderator weiter. Vielleicht lag es an der klaren Bergluft, dass es auf dem Wendelstein tatsächlich ein (fast) einheitliches “Peng” am Ende des Marsches gab.

Anschließend folgte wieder die Geschichte von den vielen Auslandsreisen des Quintetts, den Sprachschwierigkeiten und dem Notenfund im Hotel Sacher in Salzburg. Wolfis Kleine Nachtmusik hätte kein besseres Timing haben können, denn pünktlich zum letzten Ton begab sich dann auch die Sonne zur Nachtruhe, nachdem sie vorher für atemberaubende Farbtöne am Himmel gesorgt hatte.

Tom Stadler hatte wieder die schwierige Aufgabe, die Zusammenhänge zwischen den zwei folgenden Stücken, die eigentlich aus 3 und 4 Stücken bestehen, klar zu machen. Derweil kämpften die Kollegen mit den Notenblättern, um sie vor dem Wind zu sichern. Aber echte bayerische Western-Helden schaffen das leicht, vertonen Schüsse, Pferde und Elefanten, spielen auch einhändig Trompete und hindern das Notenblatt am Boden mit dem Fuß am Wegfliegen.
“Putting on the Ritz”, der Song über die gut gekleideten Menschen im Hotel Ritz folgte anschließend, unterstützt durch einen wärmenden Glühwein für die Musiker. Aber Rettung war in Sicht, denn die Zuhörer hatten es sich mit ihrem Beifall schon verdient, den zweiten Teil des Konzerts im Saal zu hören. Und so bildete passend zum Wetter auch eine Adventsweise den Schlußpunkt der ersten Halbzeit.
Die Ankündigung, dass nur diejenigen, die eine CD kaufen würden, Einlass in den Saal bekommen, wurde dann doch nicht so ernst genommen, auch wenn Tom mit dem roten Rollkoffer schnell wie die Feuerwehr von der Bühne in den Gang sprintete.
Drinnen konnte – wer wollte – auf Tuchfühlung mit den Musikern gehen und sogar in den Noten mitlesen.

Nachdem es ja heißt, dass es für das eigene Spiel hilfreich ist, wenn man sein Instrument hört, hoffe ich mal wieder, dass mein Platz dafür gesorgt hat, dass ein bisschen trompeterisches Können auf mich abgefärbt hat.
Die “Leichte Kavallerie” und der “Libertango ” eröffneten den zweiten Teil des Bergkonzerts. Nun galt es, nicht mehr den ganzen Berg zu beschallen, sondern die Lautstärke an den Raum anzupassen, so dass auch in den hinteren Reihen noch genug ankam, aber die Zuhörer in den vorderen Reihen nicht taub nach Hause gehen würden.
Und dann
- gefundenes Fressen für Marinus am Mikrofon – im Zuschauerraum klingelt ein Handy. Sofort musste die Dame beichten, wer da angerufen hatte (die Tochter) und ein paar Frotzeleien verkraften. Aber esBRASSivo nahm’s natürlich leicht, nutzte es für Situationskomik und widmete ihr anschließend das nächste Stück:
“The Rose”, am Anfang zum Ausruhen für die Hochblech-Bläser, die für ihre begleitenden Achtelbewegungen sitzen bleiben konnten, während die anderen drei – allen voran Marinus, diesmal am Horn – das Stück prägten. Aber dann kam auch noch Bewegung ins Hochblech, aufstehen, Solo spielen, zu zweit nach vorne treten und sich beklatschen lassen.
Marinus musste auch nach diesem Stück weiter moderieren, da Co-Moderator Tom für kleine Jungs musste. Angeblich, denn eigentlich ging es ihnen wie Franz Posch beim Radio Tirol Almtag am Sonntag voher. Er wäre ja so gerne auf die Toilette gegangen, aber er konnte nicht….weil kein Bier den Weg zu ihm gefunden hatte.
Wer aber dem Tom in der Pause auf die Hosentasche geschaut hatte, konnte schon ahnen, was kommen musste – zumal nach der Ankündigung des WM-Lieds.
Mit einer schwarz-rot-goldenen Vuvuzela marschierte er ein. Und, die Bayern wissen es ja eh: “Wer ko, der ko”…sogar einer Plastiktröte mehrere brauchbare Töne entlocken, die sich harmonisch in das Spiel der Kollegen einfügen.
Auf dieses Stück der leichten Unterhaltung folgte ein weiteres Stück aus dieser Kategorie…Bachs Brandenburgisches Konzert… Im Flügelhorn sah es jedenfalls ziemlich schwarz aus, mit vielen Sechzehntel-Läufen.
Die von Marinus in Stephanskirchen dargestellten Assoziationen zu “Music to watch girls by” mochte er diesmal nicht wiederholen. So blieb es der Phantasie der Zuhörer überlassen, die Mädchen vor dem geistigen Auge vorbeiziehen zu lassen. Anderer Tag, andere Mädchen – mir kam es vor, als wären diesmal eher die lauten und schrillen Vögel vorbeigezogen.
Korbinian Weber hatte abschließend in “Der rote Sarafan” wieder eine Doppelrolle als Dirigent und Solo-Trompeter.

Ein bisschen eng war es, aber ein Herr in der ersten Reihe war so freundlich, die Trompete während des Dirigats zu halten. Und so klappte der Wechsel vom virtuellen Taktstock auf die reale Trompete allerbestens.
Die Töne flogen nur so dahin mit kaum sichtbaren Bewegungen der Finger.
Nachdem bis zur angesetzten Rückfahrt der Zahnradbahn noch genug Zeit war, gingen sich noch einige Zugaben aus. Der Tiger Rag für wütende Solo-Tuba eröffnete den Reigen. Es folgte Bachs Fuge wieder mit der Erklärung zum Meniskusschaden von Bach, was Tom die Bezeichnung “kranker linker Fuß” einbrachte. Mit dem hatte er wohl nicht gerechnet. Aber der späte Einstieg hatte für ihn den großen Vorteil, dass er die Zeit nutzen konnte, um das inzwischen eingetroffene Bier zu probieren.
“That’s a Plenty” war bei der dritten Zugabe auf dem Notenblatt von Josef Lang zu lesen. Goldene Blechbläser wurden da zu goldenen Saxophonen und zauberten ein Jazz-Feeling ins Bergrestaurant.
Eigentlich hätte es noch Stunden so weitergehen können, zumal Marinus versicherte, dass die Bahn erst fahren würde, wenn sie drin wären. Aber da ja doch alles ein Ende hat, war auch diesmal Mr. Sandman wieder der Rausschmeißer – jedenfalls vom Gipfel. Denn wer das Glück hatte, die erste Bahn zu erwischen, durfte wohl eine musikalische Talfahrt erleben. Und wem das – wie mir leider – nicht vergönnt war, der hat aber zumindest auf dem Bahnsteig des Talbahnhofs noch “Guten Abend, Gute Nacht” hören dürfen.
Die Freude an der Musik hatte an diesem Abend also mal wieder Hochkonjunktur, bei den Musikern ebenso wie bei den Zuhörern. Mal schauen, wann es das nächste Wiederhören mit frechem Blech und esBRASSivo gibt.



