Die Bass-Klarinette vorgestellt von Renate Rusche-Staudinger

Geschrieben am 22.01.2012 von Marion in der Kategorie Instrumente, Weiterbildung

Renate Rusche-Staudinger, Bassklarinettistin des NDR Sinfonieorchesters Hamburg, hat sich heute unseren Fragen gestellt. Sie gibt einige interessante Einblicke in ihr musikalisches Leben und bringt uns die Bass-Klarinette näher, für die sie auch Meisterkurse anbietet.

Erzählen Sie uns ein bisschen über Ihren musikalischen Werdegang…

Mein erstes Musikinstrument war die Blockflöte. Später kam das Klavier dazu und zufällig war einer meiner Klavierlehrer gleichzeitig musikalischer Leiter dreier Blaskapellen. Nach ein paar Monaten fragte er mich, ob ich ein Blasinstrument bei ihm erlernen möchte, um später in einer seiner Kapellen mitzuspielen. Zur Auswahl standen Querflöte und Klarinette. Ich fand den Klang der Klarinette so schön, dass ich mich schnell für dieses Instrument  entschied. Schließlich wirkte ich mehrere Jahre in seiner Kapelle mit. Später, am Stadttheater Koblenz, wo ich in der Oper Tannhäuser im Extrachor sang, lernte ich auch die Bassklarinette kennen. Seither fasziniert mich dieses Instrument.
Während meines Studiums bei Prof. Hans Pfeifer an der Musikhochschule Heidelberg-Mannheim habe ich neben der normalen Klarinette auch intensiv an der Bassklarinette gearbeitet. Allmählich entwickelte sie sich für mich vom Nebeninstrument zum Hauptinstrument.
Nach Engagements im Orchester des Nationaltheaters Mannheim und der Deutschen Oper Berlin bin ich seit 1988 Bassklarinettistin im NDR Sinfonieorchester Hamburg.

Spielen Sie lieber Bass- oder B-Klarinette?

Ich spiele lieber Bassklarinette, da fühle ich mich sozusagen „zuhause“.

Welche Rolle spielt die Bass-Klarinette im Orchester?

In der Oper wird die Bassklarinette oft gezielt zur Dramatisierung von Schlüsselszenen eingesetzt. Sie unterstützt, verdeutlicht und steigert mit ihrem Klang den jeweiligen Seelenzustand der Sänger. Ihre Rolle im Sinfonieorchester ist natürlich etwas abstrakter.
Obwohl auch hier die getragenen, gesanglichen Soli überwiegen, gibt es auch viele mit behäbig humoreskem Charakter, z.B. in Richard Strauss’ Tondichtungen “Don Quixote“ und “Till Eulenspiegels lustige Streiche“. Wenn sie im Tutti eingesetzt wird, färbt sie die Basslinien der tiefen Streicher, des tiefen Blechs und der Fagotte weicher und wärmer.

Wird sie auch als Solo-Instrument verwendet?

Im Vergleich zur Klarinette ist ihr Solorepertoire weniger umfangreich. Das wundert nicht, denn schließlich ist die Bassklarinette deutlich jünger. Eine der frühesten Originalkompositionen, in welcher sie als Soloinstrument verwendet wird, ist die „Romanze“ von August Klughardt für Bassklarinette und Klavier aus dem Jahre 1890. Ein schlichtes, technisch einfaches Stück, das auch von Laien/Anfängern gespielt werden kann.
Ein regelrechter „Boom“, für die Bassklarinette Solowerke zu komponieren, setzte erst nach 1950 ein. Die meisten Werke wurden von den Instrumentalisten selbst initiiert. Der tschechische Bassklarinettenvirtuose Josef Horák (1931-2005) beispielsweise hat im Laufe seiner Karriere mehr als 600 Werke für sein Instrument in Auftrag gegeben. Dieser Tradition habe auch ich mich gerne angeschlossen, so entstanden seit 1984 mehrere Solowerke für die unbegleitete Bassklarinette und für Bassklarinette mit Klavier. Eines davon ist die „Sonate für Baßklarinette solo“ von Harald Genzmer (1909-2007), die auch auf meiner CD „Musik für Bassklarinette“ zu hören ist.

a) Bei einer Dirigentenfortbildung mit unserer Musikkapelle habe ich kürzlich gelernt, dass sich Bass-Klarinetten u.a. auch im Tonumfang unterscheiden
b) und eine Bass-Klarinette unbedingt bis zum Tief-C gehen sollte.
c) Der Reiz des Instruments beginnt erst in der Tiefe, aber einige Bass-Klarinetten-Stimmen sind einfach zu hoch geschrieben. Können Sie das unterstreichen?

Zu a) Der Tonumfang der Bassklarinette entspricht im Wesentlichen dem der Klarinette, um eine Oktave nach unten verschoben. Es stimmt, zusätzlich haben viele Modelle eine Erweiterung von 4 Halbtönen nach unten, also bis zum notierten Grossen C. Es gibt aber auch Modelle, die nur bis zum Es oder bis zum D reichen.
Zu b) Diese Instrumente sind etwas kürzer und klingen dadurch insgesamt nicht ganz so sonor wie diejenigen bis tief C. Die kleineren Modelle sind natürlich auch etwas preisgünstiger. Wenn der Kauf einer Bassklarinette bis tief C aus Kostengründen nicht möglich ist, würde ich ruhig ein Modelle bis tief Es oder tief D  nehmen. Auch dann, wenn mit dem kleineren Instrument ein in der Bassklarinettenstimme gelegentlich verlangtes tiefes C, Cis oder D nach oben transponiert werden müsste.
Zu c) Ja, ich finde auch, dass die Bassklarinette im tiefen und mittleren Register am edelsten klingt und an Tonschönheit kaum zu überbieten ist. Es mag viele Gründe geben, warum Komponisten immer wieder gerne für die höchsten Register des Instrumentes schreiben. Auch wenn sich die Klangfarbe der hohen Töne auf der Bassklarinette von der der mittleren Lage einer normalen B-Klarinette unterscheidet, würde ich doch gerade im Semi-Profi-Bereich sehr hohe Töne der normalen Klarinette überlassen. Schon 1922 heißt es in der „Praktischen Instrumentationslehre“ von Kling-Waltershausen: „Der prachtvolle, weiche und (zu) großer Ausdehnung fähige Toncharakter der Altklarinetten und der Bass-Klarinette mildert die Tonstärke der höheren Holz- und besonders der Blech-Instrumente und vermag der Blasmusik eine gleichartige, wohlklingende Klangschattierung zu geben.“

Gibt es weitere musikalische Projekte neben Ihrer Tätigkeit im Orchester?

Gelegentlich werde ich von Musikhochschulen zu Meisterkursen eingeladen. In den mehrtägigen Kursen arbeite ich mit den Studenten insbesondere an Klangkultur und Werkinterpretation.

Wie laufen die Meisterkurse ab?

Das Standardrepertoire wird vorher bekannt gegeben, z.B. Spohr, 2. Klarinettenkonzert, 2. Satz; Genzmer-Sonate, Orchestersoli aus der Opern- und sinfonischen Literatur. Oft bringen die Teilnehmer auch eigene Wunschstücke mit, die wir dann erarbeiten. Jeden Tag gibt es ca. 6 Stunden Unterricht. Manchmal gibt es ein Abschlusskonzert.

An wen richten sie sich, d.h. welche musikalischen Voraussetzungen muss man für eine Teilnahme mitbringen?

Wenn ich Gast einer Musikhochschule bin, kommen die Teilnehmer aus dieser Hochschule oder sind Gaststudenten befreundeter Institute. Die fortgeschrittenen Studenten sind aktive, die Anfänger passive Teilnehmer. Ein Kandidat spielt, die anderen hören ihm und dem Unterricht zu, bis der nächste nach vorn kommt und so geht es, bis alle Aktiven gespielt haben.
Parallel dazu biete ich auch Kurse für Amateure oder „Semis“ an. Hierin werden natürlich leichtere Anforderungen an die Werke gestellt. Die Teilnehmer sind Fortgeschrittene mit gutem Blattspiel, die ihre Tonqualität und Gestaltung verbessern möchten. Ich habe auch immer ein paar mehrstimmige, moderne Bassklarinettenwerke dabei und wir genießen es, zum Schluss mit allen etwas zu grooven….

Welche Bedeutung haben Meisterkurse für Musikstudenten?

Ich denke, die steigende Zahl an Angeboten zeigt, wie sinnvoll es ist, zusätzlich zum normalen Semesteralltag oder in den Semesterferien neue Sichtweisen kennenzulernen. Früher gab es die Tradition, dass Handwerksgesellen auf die Wanderschaft gingen. Bei vielen verschiedenen Meistern haben sie ihr Handwerk vervollkommnet, um schließlich selbst ein „Meister“ zu werden.

Wie kam es zur Idee, Meisterkurse für Bass-Klarinette anzubieten?

Während meines Studiums habe ich selbst mehrfach an Meisterkursen in Italien teilgenommen. Die jeweils einwöchigen Kurse waren extrem kompakt. Konzentrierter Unterricht, Austausch mit Studenten anderer Länder und nicht zuletzt eine inspirierende neue Umgebung: Es musste einfach viel hängen bleiben. Das möchte ich weitergeben.

Vielen Dank, Frau Rusche-Staudinger, für die interessanten Antworten.

Interessenten an der Bassklarinetten-CD oder an Meisterkursen finden weitere Informationen und Kontaktdaten auf der Webseite von Renate Rusche-Staudinger.

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